Weil ich gerne weiß, was ich meinen Kindern vorsetze, habe ich die Myrie Zange Buchreihe von
@nprofile1q... auch gelesen. Vielen Dank an alle, die mir diese Buchreihe empfohlen haben!
Ich konnte zunächst nicht so ganz einordnen, warum diese Bücher so ungewöhnlich erscheinen. Dann wurde mir klar: die Handlung steht hier nicht im Mittelpunkt. In typischer Fantasy existieren die Charaktere ausschließlich, um die Handlung zu unterstützen. Dementsprechend sind sie selbst in handwerklich gut gemachten Erzählungen ziemlich platt, handeln oft auf nicht nachvollziehbare Weise, und es fällt ihnen selber nur auf, wenn es die Handlung voranbringt.
Spontan fällt mir als Beispiel Superman ein. Superman handelt immer ethisch-moralisch einwandfrei. Und das tut er, weil er Superman ist. Es sei denn, es ist Superman aus einem Paralleluniversum, dann ist er natürlich böse. Diese zirkuläre Logik zieht sich durch alles, was ich von dieser Franchise kenne. Ich habe mal gehofft, die Smallville-Serie würde so etwas wie einen Werdegang zeigen, woher diese festen moralischen Grundsätze kommen - komplette Fehlanzeige. Wer lieber ein anderes Extrembeispiel haben möchte: schaut, wie Anakin Skywalker in "Revenge of the Sith" zu Darth Vader wird.
Bei Myrie Zange verhält es sich umgekehrt: hier steht die Protagonistin und ihr Werdegang im Mittelpunkt. Es ist Science Fiction, um der Protagonistin einen gesellschaftlichen Rahmen zu geben, in dem man sich über existenzielle Ängste keine Sorgen machen muss und Konkurrenz unnötig ist. Es ist Fantasy, um ein Gesellschaftsbild zu zeichnen, das mit den vielen koexistierenden Lebewesen per Definition sehr viel diverser als unsere Gesellschaft ist. Und die Handlung ist vor allem da, um die Protagonistin mit Herausforderungen zu präsentieren, an denen sie selbstbestimmt wachsen kann. Die Gedankenwelt der Protagonistin, ihre Überlegungen, Ängste, Höhen und Tiefen werden dagegen im großen Detail erläutert. Sie wirkt lebendig.
Das heißt nicht, dass die Handlung langweilig wäre, mitnichten. Allerdings kommt im ersten Buch kaum Spannung auf, das ändert sich erst ab dem zweiten Buch. Und wer diese Bücher nur wegen der Handlung liest, wird möglicherweise enttäuscht sein, wenn schon wieder ein Höhepunkt vorüberzieht, scheinbar ohne die Handlung vorangebracht zu haben. Diese Bücher missachten eklatant die Gesetze des Genre, und es hängen massenweise sprichwörtliche Gewehre an den Wänden, die niemals abfeuern. Ich mag es, es macht die Geschichte weniger vorhersagbar.
Sehr schön finde ich an diesen Büchern, dass trotz einer beinahe stereotypisch autistisch wirkenden Protagonistin das Wort "Autismus" kein einziges Mal fällt. Stattdessen scheint es in ihrer Gesellschaft völlig normal zu sein, eine Person "darf man dich berühren?" oder "kannst du gerade nicht sprechen?" zu fragen. Schon elfjährige Kinder (zumindest einige) haben ein Verständnis dafür, dass unterschiedliche Bedürfnisse existieren, die es ohne Fragen zu akzeptieren gilt. Es scheint, dass Konsens ein grundlegender Pfeiler dieser Gesellschaft ist.
Außerdem gilt der Begriff Freund/Freundin in dieser Gesellschaft als veraltet, ersetzt durch den Begriff Herzwesen. Während im Buch erklärt wird, dass dieser Wandel stattgefunden habe, weil letzteres nicht an Geschlecht gebunden ist, scheint doch mehr dahinter zu stecken. Mit dem Begriff wird jede Art von Beziehung bezeichnet: Freundschaft, Liebe und alles dazwischen. Diese Beziehungen scheinen gleichberechtigt nebeneinander zu existieren (oder vielleicht nimmt es Myrie nur so wahr, ist nicht ganz einfach zu sagen). Dieses Selbstverständnis scheint Besitzergreifung in Beziehungen, wie sie in unserer Gesellschaft leider allzu üblich ist, auszuschließen. Das Thema Eifersucht kommt zwar an einer Stelle auf, aber die Person merkt unmittelbar selber, dass diese vor allem mit ihren eigenen Unsicherheiten zusammenhängt und dementsprechend auch auf ihrer Seite zu lösen ist.
Etwas enttäuschend fand ich, dass spätestens im dritten Buch dann doch Labels aufkommen, beispielsweise asexuell und agender. Noch dazu wird in diesem Zusammenhang besprochen, dass sich öffentlich outen dann doch mit Hemmnissen verbunden ist. Das würde bedeuten, dass diese Gesellschaft doch nicht immer so akzeptierend und tolerant ist, wie es zunächst (zumindest durch Myries Brille) vorkam. Ich hatte ein wenig das Gefühl, dass die entsprechenden Passagen eigentlich bloß Wissen an die Lesenden vermitteln sollten, und das irgendwie mit dem Holzhammer. Aber gut, vielleicht gibt es einen guten Grund, warum diese Themen anders behandelt werden als beispielsweise Autismus oder Homosexualität.
Ich muss sagen, ich mag solche utopischen Gesellschaftsentwürfe sehr. Ja, unsere Gesellschaft ist da völlig anders. Aber es bringt trotzdem etwas, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte, auf welchen Selbstverständnissen diese aufbauen müsste. Dann wissen wir immerhin, wohin wir wollen. Und was solche Utopien angeht, ist diese die weitrechendste und durchdachteste, die mir bislang untergekommen ist.