Herr Kreidl ist eine literarische Figur, die in kleinen Episoden zwischen Humor und Nachdenklichkeit das Leben betrachtet. Ob im Supermarkt, auf einer Parkbank oder beim Sonnenuntergang: er entdeckt im Alltäglichen das Wesentliche. Die Episoden sind ein literarisches Pendant zum Espresso: konzentriert, klar, mit Nachhall.
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Der Ruhestand befreit von Pflichten, aber nicht vom Staunen. Nicht vom Zweifel. Nicht vom Drängen des eigenen Wesens.
Relays (1)
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Recent Notes
》Das richtige Tempo
Herr Kreidl blieb auf dem schmalen Weg stehen. Vor ihm zog eine Schnecke ihre glänzende Spur.
Sie bewegte sich mit einer Art präziser Ruhe. Jeder Millimeter war eine gesetzte Entscheidung.
Die Schnecke hielt nicht inne, ließ sich nicht hetzen. Sie tat einfach, was sie tun musste – nicht schneller, nicht langsamer.
„Vielleicht“, dachte Herr Kreidl, „ist es nicht die Langsamkeit, die uns manchmal fehlt, sondern das Vertrauen, dass wir trotzdem ankommen.“
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Elterninitiative gründet Hotel „EinsMehr“
In Augsburg gelingt einem Hotel, was viele für unmöglich halten: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier gleichberechtigt zusammen – mit Erfolg und gegenseitigem Respekt.
Die Geschichte dieses Hotels ist die eines langen Aufbegehrens. Gegründet wurde es vom Verein „EinsMehr“ in Augsburg – einer Art Selbsthilfegruppe, in der sich seit 25 Jahren Eltern von Kindern mit Down-Syndrom engagieren.
https://www.focus.de/perspektiven/constructive-world-award/nicht-mehr-unsere-welt-5-sterne-hotel-chef-schmeisst-hin-und-macht-alles-anders_90d9ba3c-4be6-4876-9548-646ad42e196c.html
》Die wiedergefundene Verbindung
Herr Kreidl zögerte, dann wählte er die Nummer. Es klingelte lange, bevor jemand abhob.
„Kreidl…? Bist du das?“
Er lächelte. „Ja. Ich dachte, es wird Zeit.“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Ich hab oft an dich gedacht“, sagte die Stimme schließlich.
„Ich auch“, antwortete Herr Kreidl.
Sie sprachen lange über das, was geblieben war.
Als sie auflegten, fühlte er sich leichter. Als hätte er einen Raum geöffnet, der jahrelang verschlossen war.
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》Im Dickicht
Der Wald war still. Die Luft roch nach Wärme, nach einem Tag, der sich langsam schloss wie ein Buch, das man nicht zu schnell zuklappen will.
Herr Kreidl blieb stehen. Vor ihm ein dichter Zweig. Darin, fast unsichtbar, saß eine Meise.
Sie sang. Nicht laut. Nicht für die Welt. Nur für den Moment.
„Vielleicht“, dachte Herr Kreidl, „ist das Leben manchmal wie ein Vogel im Dickicht: leicht zu übersehen, leicht zu verlieren – aber hörbar, wenn man stehen bleibt.“
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》Die Welt im Gleichgewicht
Das Kind schoss auf dem kleinen Fahrrad über den Hof. Sein Jauchzen war hell und frei, flog voraus wie ein kleiner Vogel.
Herr Kreidl blieb stehen, lehnte sich an den Zaun und sah ihm zu.
Ein kleiner Mensch, der fuhr, als gäbe es keine Grenzen. Keine Zweifel. Keine Schwere.
Herr Kreidl lächelte. Und dann kam ihm ein Gedanke, leise, aber klar: „Vielleicht ist Glück nichts anderes als der kurze Moment, in dem man vergisst, dass man fallen könnte.“
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Manche Gedanken
müssen fliegen um zu landen.
Herr Kreidl faltete einen Papierflieger,
und ließ ihn durch die Luft gleiten.
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》Zwischenraum
Der Tag lag warm und weich im Zimmer. Herr Kreidl stand am Fenster, als hätte er dort einen stillen Auftrag.
Er lehnte die Stirn leicht ans Glas. Draußen bewegte sich die Welt in ihrem eigenen Rhythmus: ein Fahrrad, das zu schnell war, eine Wolke, die zu langsam zog, ein Blatt, das sich entschied, jetzt zu fallen.
Herr Kreidl dachte: Vielleicht ist das Fenster eine Art Zwischenraum – nicht drinnen, nicht draußen, sondern ein Ort, an dem man sich selbst begegnet.
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》Der Mond, der zweimal kam
„Seltsam“, dachte Herr Kreidl, „wie der alte Mond, der immer derselbe ist, plötzlich anders wirkt, nur weil er zweimal erscheint.“
Er lächelte. Vielleicht war das die eigentliche Botschaft: Dass Wiederholungen nicht immer Wiederholungen sind. Dass selbst das Bekannte manchmal ein neues Gesicht bekommt.
Herr Kreidl trat ans Fenster, ließ die Stille neben sich Platz nehmen.
Sah hinauf, und der Mond antwortete mit nichts weiter als seinem Licht.
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》Nach dem Holzfällen
Der Wald war still, der letzte Stamm gefallen. Nur ein paar Vögel prüften, ob die Arbeit wirklich vorbei war.
Der Duft von Harz hing in der Luft, warm, süß. Herr Kreidl sah auf die Scheite, ordentlich gestapelt, hell im Inneren, rau an den Rändern.
Er setzte sich auf einen Baumstumpf, hörte dem eigenen Puls zu, der langsam wieder in den Rhythmus des Waldes fiel.
„Es ist seltsam“, dachte er. „Beim Fällen ist alles Kraft – danach ist alles Frieden.“
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》Lacht, so viel ihr könnt
Am Nachbartisch saß eine Gruppe junger Leute. Sie lachten mit einem Lachen, das aus dem Bauch kam.
Ein paar Gäste drehten sich um, genervt – als sei Freude etwas, das man dosieren müsse.
Die Kellnerin stellte Herrn Kreidl frischen Tee hin: „Schön, oder?“ Er nickte. „Manchmal reicht es, wenn jemand anderes lacht.“
Draußen zog grauer Himmel auf, aber im Café war es hell.
Herr Kreidl dachte: „Vielleicht ist Lachen die einfachste Art, Licht zu machen.“
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》Freude und Vergänglichkeit
Die Enkelkinder liefen über den Rasen, als wäre die Welt ein endloser Sommer.
Herr Kreidl beobachtete sie, spürte dieses tiefe, stille Glück, das nur Großeltern kennen.
Ein Enkel rief nach ihm. Er stand auf, langsam, spürte die Knie, spürte die Jahre, spürte aber auch, wie die Kinder ihn ansahen – als wäre er zeitlos.
Sie kannten sein Alter nicht. Sie kannten nur seine Gegenwart.
Herr Kreidl lächelte: „Enkel sind Zukunft – und Erinnerung zugleich.“
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》Blauer Himmel statt blauer Montag
Die Woche startete – aber ohne den üblichen blauen Montag. Nur mit einem Himmel, der so blau war, dass man fast vergaß, wie viele Grautöne die letzten Wochen gehabt hatten.
Herr Kreidl ließ sich in die Sonne sinken, spürte ein laues Lüftchen, das sich anfühlte wie eine Hand, die ihm über die Stirn strich.
Er hörte den Vögeln zu und dachte: Vielleicht sind es genau diese Tage, die man später vermisst – die einfach da sind und nichts verlangen.
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