MÜNZWEG
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Presseerklärung von Max Stirner zur Iran-Krise
— vorgetragen im Geiste des Einzigen und seines Eigentums —
Ihr fragt mich, was ich zu diesem Krieg sage? Ich sage: Schaut, wem er nützt — und w...
Man möchte dem anonymen Stirner-Epigonen, der sich da im Gewande des Einzigen und seines Eigentums über den Krieg im Nahen Osten hermacht, durchaus zugestehen, dass er seine Lektüre nicht ganz umsonst betrieben hat – wenngleich man hinzufügen muss, dass zwischen dem Studium eines Philosophen und dem Verständnis desselben mitunter Welten klaffen. Die Diagnose, dass Staaten "kalte Monster" seien (ein Nietzsche-Zitat, das hier ungeniert Stirner untergeschoben wird), mag ihre Berechtigung haben; die daraus gezogenen Schlüsse freilich kranken an jener Abstraktheit, die der Verfasser den von ihm kritisierten "Gespenstern" vorwirft.
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Denn siehe: Während unser Stirnerianer sich in dialektischen Volten ergeht und allen Beteiligten gleichermaßen attestiert, sie kämpften nicht _für_, sondern _mit_ dem Einzelnen, übersieht er – oder will er übersehen? – einen nicht ganz unerheblichen Umstand: dass es nämlich Menschen gibt, die sich über diesen Krieg freuen. Iraner zumal, denen die Perspektive, vom Joch der Mullahs befreit zu werden, durchaus als _Eigennutz_ erscheinen mag – ja, als eminenter, leibhaftiger, höchst konkreter Eigennutz.
Die junge Frau in Teheran etwa, die ohne Kopftuch durch die Straßen gehen möchte, ohne von den Sittenwächtern verprügelt zu werden; der Intellektuelle, der es leid ist, jedes Wort auf die ideologische Goldwaage legen zu müssen; der Händler, dessen Geschäft unter den Sanktionen darbt, die das Regime durch seine theokratischen Allmachtsphantasien provoziert hat – sie alle könnten, rein hypothetisch versteht sich, in der Zerschlagung eben jenes Regimes einen höchst eigennützigen Vorteil erblicken. Für sie wäre "Befreiung" keine Abstraktion, kein "Spuk", sondern die Möglichkeit, endlich _als Einzige_ zu leben, anstatt als Untertanen Allahs und seiner selbsternannten Statthalter auf Erden.
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Gewiss, der Bombenkrieg tötet Unschuldige – das ist die Tragik jedes Krieges, und wer das leugnet, ist ein Narr oder ein Zyniker. Doch wer daraus folgert, dass _jeder_ Krieg gleichermaßen sinnlos sei, dass alle Beteiligten lediglich "Gespenster" anbeteten und der Einzelne stets nur Opfer, niemals Nutznießer sein könne, der betreibt jenen Egalitarismus der moralischen Äquidistanz, der am Ende in die Paralyse führt. Es ist der Irrtum des Abstrakten, der da meint, weil _manche_ für Ideen sterben, die ihnen nichts nützen, müsse dies für _alle_ gelten.
Nein, lieber anonymer Stirnerianer: Manch ein Iraner mag in diesem Krieg sehr wohl seinen "Eigennutz" verwirklicht sehen – den Eigennutz nämlich, nicht länger unter einem Terrorregime vegetieren zu müssen, das seine Bürger einsperrt, foltert und hinrichtet, während es mit der anderen Hand Raketenprogramme finanziert und Stellvertretermilizen in halb Vorderasien alimentiert. Dass dieser Eigennutz mit Blut erkauft wird, ist furchtbar; dass er deswegen inexistent wäre, ist Unsinn.
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Was den Rest der Philippika angeht – die Klage über Staaten, Fahnen und Ideen, für die der "leibhaftige Mensch" geopfert werde –, so sei daran erinnert, dass auch der radikalste Egoismus nicht umhin kommt, Ordnungsstrukturen anzuerkennen, will er nicht im Chaos versinken. Der Einzige mag sein Eigentum haben; aber ohne ein Rechtssystem, das dieses Eigentum schützt, wird er es an den Nächstbesten verlieren, der stärker, schneller oder skrupelloser ist. Und dieses Rechtssystem – ob es uns gefällt oder nicht – setzt einen Staat voraus. Einen _kalten_ vielleicht, einen _monströsen_ mitunter, aber immer noch einen, der dem Hobbes'schen Naturzustand vorzuziehen ist.
Die Mullahs in Teheran haben übrigens auch ein "Eigentum" – das Eigentum an der Macht. Wer ihnen dieses Eigentum lässt, aus Furcht vor "Abstraktionen", der lässt auch all jene im Stich, deren Eigennutz darin besteht, eben diese Macht gebrochen zu sehen.
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